Terror ist, was wir daraus machen

Ein psychisch labiler, offensichtlich zu Gewalt neigender, Idiot rast in eine fröhlich ausgelassene Menge und tötet dabei über 80 Menschen und alle, insbesondere die Politiker, verfallen sofort in den „Terror-Reflex“. Die Tat ist so schrecklich wie traurig, keine Frage, aber ist irgendjemandem mit der Erklärung „Terror“ geholfen? Es mutet schon fast lächerlich an, wie die Ermittler krampfhaft nach Verbindungen zum islamistischen Terrorismus suchen.
Was hätten die Ermittler denn gemacht, wenn der Fahrer nicht „Allahu akbar„, sondern „Es lebe der ADAC“ geschrien hätte?
In dem Fall wäre die mangelnde psychische Stabilität des Täters wohl so eindeutig gewesen, dass man sie kaum noch hätte leugnen können. Warum aber ist es so schwer, auch jetzt einzusehen, dass diese psychische Labilität der eigentliche Grund für jene schreckliche Tat war?
Wahrscheinlich, weil man dann niemandem mehr die Schuld geben könnte, weil man einfach seine Hilflosigkeit eingestehen müsste. Denn vor einzelnen Menschen, die einfach durchdrehen und ihrem eigenen Tod dabei einen „größeren Sinn“ geben wollen, gibt es keinen Schutz.
Die Ermittler sprechen lieber von einer Radikalisierung im Eilverfahren. Hört sich da eigentlich jemand noch selber zu? Gibt es Radikalisierung jetzt auch in der Instantvariante, „Islamisierung forte“?
Krampfhaft klammert sich die französische Politik an jeden noch so kleinen Hinweis dafür, dass der Täter sich zwei Wochen vor der Tat mal eben so radikalisiert haben soll.
Zu akzeptieren, dass hier ein Mensch seinem Selbstmord lediglich eine „größere Bedeutung“ geben wollte, scheint niemanden in den Sinn zu kommen.
Genau das hat aber dadurch nun funktioniert. Denn jetzt ist der Täter kein simpler, gestörter Amokläufer, sondern ein Märtyrer, ein Kämpfer für den großen Propheten. Egal, ob ihn dieser vor kurzem noch nicht mal rektal tangierte. Dieses Geschenk wurde vom IS umgehend dankend entgegen genommen.

Quelle: statista.com

Quelle: statista.com

Terror ist nicht einfach Terror, es ist, was wir daraus machen. Terror ist nicht die Tat, sondern der Schrecken, den diese Tat auslöst. Und wir fühlen uns bedroht, wie schon lange nicht mehr, überall sehen wir nur noch Terror.
Dabei hatten wir seit 1970 noch nie so wenige Terroranschläge in Europa wie in den letzten Jahren. In den 70ern und 80ern, ja, da war Europa ein „heißes Pflaster“. Vor allem die ETA, die IRA und die RAF hielten Westeuropa in Atem.
Heutzutage ist Europa im Vergleich dazu ein Hort der Ruhe und des Friedens. Auch im Vergleich zum Rest der Welt, denn weltweit hat der Terror in der Tat zugenommen.
Gab es 2014 global 6334 Terroranschläge, kamen auf Westeuropa gerade einmal 3 (in Worten: drei). Und von 32257 Menschen, die 2014 durch Terror ums Leben gekommen sind, waren es in Westeuropa 7 Opfer. Zwischen 2001 und 2014 starben allein im Irak 42759 Menschen infolge von Anschlägen, in der selben Zeit hatte Westeuropa „nur“ 420 Opfer zu beklagen.
Das macht die Opfer in England, Spanien, Belgien und Frankreich nicht weniger schmerzhaft, aber es könnte helfen, dem Terror das zu nehmen, was ihn überhaupt erst ausmacht, den Schrecken.

Doch so, wie wir derzeit reagieren, machen wir den Terror erst erfolgreich. Wir machen aus der Tat eines einzelnen gestörten Menschen ein Werk des internationalen Terrorismus.
Jetzt wird in Frankreich ein Ausnahmezustand verlängert, der schon die letzten Anschläge nicht verhindern konnte und auch zukünftig Anschläge nicht verhindern wird. Die Demokratie und Rechtsstaatlichkeit schafft sich selber ab und verhilft dem Terror des IS damit zum Sieg.
Nun rufen französische Bürger nach Rücktritten von Politikern, die sie vor Anschlägen nicht beschützt haben, die niemand, erst recht keine Politiker, hätte verhindern können. Und die Populisten starten eine Kakophonie der Bekloppten, mit Forderungen nach Sicherheit, die es nicht gibt, die es niemals geben wird.

Vielleicht ist genau dies das Schlimmste am Terror, vielleicht ist es sogar der eigentliche Terror. Ein Ausnahmezustand, der jegliche demokratischen und rechtsstaatlichen Grundsätze wegfegt und ins Endlose verlängert wird, ohne auch nur die kleinste, logisch nachvollziehbare Rechtfertigung. Gesetze, die aufgrund einer, lediglich gefühlten, Terrorgefahr erlassen werden und den freiheitlich-demokratischen Staat aushöhlen.
Wäre es nicht so abgrundtief traurig, was wir mit uns machen und machen lassen, es wäre an Lächerlichkeit kaum noch zu übertreffen.

Terror ist nicht, was die Terroristen in unseren Ländern tun, Terror ist, wie wir anschließend damit umgehen. Und wir weigern uns vehement, das einzusehen.
Wir stilisieren jede einzelne Bluttat von verrückten, verblendeten oder schlichtweg dummen Menschen sofort zu schrecklichen Terrorszenarien. Wir konstruieren Verbindungen und Verflechtungen, die es gar nicht gibt.
Wenn wir den Terror besiegen wollen, müssen wir erst einmal unsere aus dem Ruder gelaufene Angst wieder in den Griff bekommen, dann müssen wir wieder zu Verstand kommen. Wir müssen uns klar werden, das wir selber es sind, die den Terror machen… in unseren Köpfen.

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