Die Türkei, ein Land wird Reich

Nur vorweg gesagt, ich liebe gute Verschwörungstheorien. Roswell, einfach göttlich; 9/11, einfach gigantisch; Watergate… ach nee, das war ja wirklich so. Aber es muss schon eine gute Verschwörungstheorie sein, nicht so ein flacher Mist wie die Chemtrails oder der wirre Schwachsinn der „Reichsbürger„.
Eine gute Verschwörungstheorie zeichnet sich durch diesen besonderen Kitzel, dieses jucken im Nacken aus. Oder es ist einfach etwas so gigantisches und spannendes, dass man sich regelrecht wünscht, es wäre wahr. Nicht so ein Nonsens wie die „Fake-Mondlandung„, wo mir einfach wurscht ist, ob wir bereits 1969 auf der kleinen staubigen Kugel waren oder nicht.

Aber ich bin mir immer bewusst, es sind Theorien, manche wahrscheinlicher als andere, aber eben Theorien. Auch wenn es bei einigen Theorien deutlich mehr im Nacken juckt.
Manche Theorien drängen sich einfach stärker auf, die setzen sich fest, weil einem etwas in der hinteren Zwirbeldrüse sagt, dass die Theorie fast glaubhafter als die (angenommene) Realität  scheint. Und da kommen wir auch schon zur Türkei.

Da gab es nun diesen Putsch. Soweit nichts besonderes, das hat in der Türkei fast schon Tradition. Immer wenn der Staat droht, die kemalistische Linie, und damit unter anderem die Trennung von Staat und Religion, zu verlieren, dann kamen die Leute mit den Panzern und putschten alles wieder „zurecht“. Mal etwas nach Links, mal etwas nach Rechts, aber immer sich selbst als Korrektiv verstehend.
Selten war die laizistische Ausrichtung und die Rechtsstaatlichkeit der Türkei so sehr gefährdet wie derzeit. Normalerweise würde auch fast jeder damit rechnen, dass das Militär mal wieder „korrigiert“. Nur wurde das Militär mittlerweile so weit entmachtet, dass es gar nicht mehr in der Lage zu sein schien, den Staat wieder auf die, seiner Meinung nach, rechte Bahn zu putschen.
Jetzt könnte man meinen, das passt ja zum misslungenen Putschversuch, ist doch alles klar.
Aber so klar ist das nun auch wieder nicht. Denn es ist wirklich schwer zu glauben, dass jemand mit nur ein bisschen Verstand zwischen den Ohren ernsthaft glauben konnte, mit einer handvoll Panzern, ein paar Flugzeugen und Hubschraubern, sowie einem Trüppchen Soldaten könne man einen erfolgreichen Staatsstreich durchführen. Das ist mehr als ambitioniert… irgendwie extrem dämlich. Aber da ist es schon, dieses Jucken im Nacken, das einfach nicht aufhören will.

Werfen wir mal einen Blick auf die Fakten. Da ist ein selbstherrlicher, offensichtlich größenwahnsinniger Präsident, der sein Land kontinuierlich auf ein autokratisches System umbaut. Dabei hat er anscheinend einen durchaus großen Teil seiner Bevölkerung hinter sich. Aber für die wichtigsten Meilensteine, wie einer grundlegenden Verfassungsänderung, fehlt ihm die nötige Zweidrittelmehrheit im Parlament. Auch kann er das System nicht so schnell säubern und gleichschalten, wie er es offensichtlich gerne würde. Zwar ist noch kein Diktator vom Himmel gefallen, aber so unendlich viel Zeit hat er ja auch nicht mehr in seinem Alter.

Da gibt es jetzt also diesen Putschversuch, wenn wir ihn mal so nennen wollen. Das Militär versäumt es, strategisch wichtige Punkte und Einrichtungen einzunehmen, krallt sich nur den Staatssender, lässt aber alle anderen, beim Volk weitaus beliebteren Privatsender links liegen und beschränkt sich auch sonst auf eher halbherzige Aktionen. Der Taksim-Platz wird von einem lächerlichen Trüppchen aus ca. 20 Mann „eingenommen“ und die zwei Brücken über den Bosporus werden, in alter „Putschtradition“, von zwei Panzern gesperrt. Ansonsten ballern ein paar Hubschrauber unmotiviert in der Gegend rum, vereinzelt zeigen Piloten, wie toll sie im Tiefflug mit ihren Flugzeugen die Schallmauer durchbrechen können und der Flughafen von Istanbul wird eher „lustlos“ eingenommen, nur um ihn kurze Zeit später wieder kampflos zu räumen, damit Erdogan noch in der Nacht dort landen kann.
Nebenbei vergisst man sowieso, den Präsidenten als primäres Ziel zu beseitigen oder zumindest festzunehmen. Ich hab‘ da nicht viel Erfahrung, aber ein ernsthafter Putsch sieht für mich irgendwie anders aus.

Der Präsident schafft es dann, offensichtlich in Sicherheit, über sein Handy im nicht besetzten privaten Fernsehen eine Botschaft an sein Volk zu richten. Dabei ruft er es auf, sich den Putschisten entgegen zu stellen. Was dieses auch spontan zu großen Teilen macht. Lustiger Weise wurde von den Militärs zu allem Überfluss erst für sechs Uhr am nächsten Morgen eine Ausgangssperre angeordnet.
Der Ministerpräsident, den die Putschisten irgendwie auch total vergessen hatten, ist die erste Person, die über den Putschversuch die Öffentlichkeit informiert. Ein Putsch, der bereits nach wenigen Stunden niedergeschlagen ist. Bilanz sind ein paar hundert Tote, noch mehr Verletzte, ein paar Schäden an staatlicher Bausubstanz und ein überglücklicher Präsident, der den Putschversuch allen ernstes „ein Geschenk des Himmels“ nennt.

Natürlich nicht, weil er den mehr als dilettantischen Umsturzversuch selber so toll fand, sondern weil er nun ungestört die Säuberungsaktionen durchführen kann, die ohne Putsch eventuell noch Jahre gebraucht hätten. Es ist auch sofort, also wirklich direkt am nächsten Tag, der Rädelsführer des Putsches gefunden, Fethullah Gülen.
Und mit diesem Hauptverdächtigen in der Hinterhand, wer fragt schon nach Beweisen, kann Erdogan nun so richtig loslegen. Da wird nicht mehr nur das Militär „gesäubert“, sondern zigtausende Richter, Staatsanwälte, Polizisten, Lehrer, Dozenten, Gouverneure und Kommunalpolitiker werden entlassen und/oder verhaftet. Scheiß was auf Gewaltenteilung und Rechtsstaat.
Das alles beginnt bereits am Tag nach dem Putschversuch. Das mag mit diesem nicht direkt in Verbindung stehen, aber die Liste mit den zu beseitigenden Personen hatte der Präsident bereits unter dem Kopfkissen. Anders sind diese plötzlichen, schnellen und gezielten „Bereinigungsaktionen“ nicht zu erklären.

Das alles sind wahrscheinlich Zufälle und das Militär war vermutlich einfach nur zu schwach und in Panik, als es den Putsch versemmelte.
Zudem sollen die Geheimdienste frühzeitig Wind von den Plänen des Militärs bekommen haben. Das wirft zwar die Frage auf, warum sie dann nicht in der Lage waren, den Putsch noch vor Beginn zu stoppen, aber wollen wir mal nicht so kleinlich sein.
Das alles war also nur eine „glückliche Fügung“ für Präsident Erdogan und seinen Plan…

Wenn da nur nicht dieses heftige Jucken in meinem Nacken wäre. Ich weiß einfach nicht, warum ich immer wieder an die deutsche Geschichte und ein großes, brennendes Regierungsgebäude denken muss.
Warum mir so viele Dinge bekannt vorkommen, der innere Staatsfeind, welcher den Staat unterminiert haben soll, die faktische Aufhebung der Gewaltenteilung, die Gleichschaltung der Presse, willkürliche Verhaftungen unter dem Deckmantel des Terrorismusverdachts und das Aufwiegeln des eigenen Volkes gegen Minderheiten.

Naja, wie schon gesagt… Zufälle.
Die Türkei hat einen Kurs eingeschlagen, der sie weit weg von Rechtsstaatlichkeit und einer freien Gesellschaft bringt und der auf einen autokratisch regierenden und offensichtlich religiös verblendeten Präsidenten Erdogan hinausläuft. Dabei werden einige Menschenrechte auf der Strecke bleiben und viele Menschen dazu.
Wenn die Mehrheit der Türken das so will, und danach sieht es aus, dann müssen wir das so akzeptieren. Nun, und das Jucken? Das ist wohl nur ein Mückenstich, dagegen gibt es eine Salbe.

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