Jetzt erst recht Europa

ich_bin_europaNicht immer ist das, was manchmal wie ein Gefängnis aussieht auch eines und nicht immer ist man draußen freier als drinnen.
Das europäische Haus mag zuweilen etwas beengt wirken, aber das liegt nicht am Haus selbst, sondern an den vielen Nationen und Kulturen die hier ihr Zuhause gefunden haben. Bei der Vielfalt und so vielen Unterschieden eckt man schon mal an, da reibt man sich und es scheint auch schon mal etwas eng. Aber da kann das Haus nichts für. Denn das Haus ist das, was wir daraus machen. Es ist unser Haus.

Und genau das scheinen wir vergessen zu haben. Viele fühlen sich fremdbestimmt aus Brüssel, reden von „denen in der EU“ und schieben alles, was schief läuft, auf das europäische Parlament. Doch es gibt keine „denen“ und es gibt nicht „die da oben“.
Natürlich ist die europäische Verwaltung ein sehr aufgeblasener Apparat und natürlich ist nicht immer alles, was in Brüssel beschlossen wird, sofort für jeden verständlich und nachvollziehbar. Aber trotzdem sitzen in Brüssel unsere Vertreter, unsere Abgeordnete. Wir haben die gewählt. Nur ist es eben nicht so leicht, die Vielfalt, die Europa auszeichnet, so ohne Weiteres unter einen Hut zu bekommen.
Dass Brüssel so unübersichtlich scheint, ist nicht begründet darin, dass die Staaten zu viel Souveränität an die EU abgegeben haben, sondern im Gegenteil. Weil die Länder Europas viel zu lange schon nicht den Mut hatten, entscheidende Schritte nach vorne zu gehen und Europa konsequent und mit Bedacht zu einem vereinten Staatenverbund zu machen, ist aus der EU ein etwas klapprig wirkendes Gemäuer geworden. Und deshalb wirkt es bisweilen unübersichtlich und chaotisch.
Auf der einen Seite soll die EU die Dinge für alle regeln, aber trotzdem will jeder noch sein eigenes Süppchen im eigenen Kochtopf kochen.

Das System EU mag Fehler haben, aber das sind unsere Fehler. Die EU ist nicht vom Himmel gefallen, die hat uns keine außerirdische Macht aufgezwungen oder die USA uns diktiert. Europa hatte vor 60 Jahren gute Gründe, den Weg der Gemeinschaft einzuschlagen. Dieser Kontinent, den mehr verbindet als trennt, hatte es zuvor mehrmals hintereinander geschafft, sich mit Kriegen fast komplett zu zerstören. Europa brauchte zwei Weltkriege, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass es nur als Gemeinschaft eine Zukunft hat.
Natürlich ist die EU auch ein Wirtschaftsraum, aber vor allem, und das ist keine Floskel, ist es ein Garant für Frieden. Anstatt uns gegenseitig zu schaden, anzugreifen und kaputt zu machen, haben wir den Weg der Zusammenarbeit gewählt. Und natürlich muss da der Stärkere dem Schwächeren immer wieder helfen. Aber dadurch werden alle zusammen stärker.

Wenn die Briten aus der EU austreten ist das nicht ein Zeichen der Schwäche Europas, sondern ein Zeichen der Unfähigkeit einzelner Staaten sich endlich konsequent zusammen zu raufen. Denn zusammen kann Europa alle Probleme mühelos meistern.
Wie es endet, wenn die EU nicht zusammen agiert, zeigt die Flüchtlingskrise. Würde Europa das Problem gemeinsam angehen, wäre es buchstäblich ein Klacks. Eine Gemeinschaft von 500 Millionen Europäern hätte kaum Mühe mit einigen Millionen Flüchtlingen klar zu kommen.
Aber wenn nur Angst, Nationalismus und Egoismus Triebfeder des Handelns sind, dann wird aus einem Klacks schnell ein unlösbares Problem. Nicht die Institution EU hat versagt, sondern wir, die Staaten und ihre Bürger.

Die EU ist Schuld daran, dass es uns gut geht. Zu gut. Denn wenn es dem Esel zu gut geht, begibt er sich auf’s Eis zum tanzen.
Plötzlich sieht nur noch jeder, dass er etwas zu verlieren hat und fängt wieder an, sich in Kleinstaaterei zurückzuziehen. Doch dadurch werden wir am Ende alle zusammen alles verlieren.

Unser Parlament mag in Brüssel stehen, aber Europa ist hier, Europa sind wir, jeder von uns. Und wir müssen Europa mit Leben erfüllen. Wir müssen mehr Demokratie fordern, wir müssen bereit sein, dafür auch mal zurück zu stecken, eigene Souveränität abzugeben und füreinander zu kämpfen. Was wir erhalten ist viel mehr, als alles, was wir glauben zu verlieren. Alleine über 60 Jahre Frieden war es bereits wert.
Die EU ist die großartigste Idee, die Europa jemals hatte. Wir müssen nur anfangen, uns zu Europa zu bekennen, jeder einzelne von uns. Denn bevor wir Briten, Franzosen, Polen, Griechen, Litauer oder Deutsche sind, sind wir Europäer.
Es war noch nie eine Option für die Länder Europas, alleine und getrennt voneinander Glück zu finden, das haben sie eindrucksvoll bewiesen. Wenn die Rattenfänger Europas die EU angreifen, dann greifen sie uns an. Wenn sie Stimmung gegen die Gemeinschaft machen, dann ist es unsere Gemeinschaft, die angegriffen wird. Die Rattenfänger wollen nicht unser Bestes, sie wollen Macht und Gefolgschaft. Die Antworten sind nie einfach, es gibt kein Schwarz und Weiß und das müssen wir endlich lernen.

Europa ist manchmal anstrengend, kompliziert und frustrierend, aber das ist nicht Teil des Problems, sondern ein Teil des Lebens. Wir haben es in der Hand, ein besseres Europa zu schaffen, ein Europa, das von Generation zu Generation wächst, stärker wird und besser. Ein Europa, in dem wir und unsere Kinder in Frieden und Gemeinschaft zusammen leben können. Ein Europa, in dem wir uns gegenseitig helfen, damit es allen besser geht. Denn wir sind Europa und wir sollten uns die Mühe wert sein!

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