Der erfundene MAK-Wert

In der öffentlichen Anhörung vor dem Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft am 17.02.2016 war unter anderem Frau Dr. Martina Pötschke-Langer vom DKFZ als Einzelsachverständige geladen. Es ging um die Stellungnahmen von Fachleuten zum Gesetzentwurf der Bundesregierung zur Umsetzung der europäischen Tabakprodukt-Richtlinie 2014/40/EU.
Es wurde von Frau Dr. Pötschke-Langer immer wieder die Gefahr des ominösen „Gateway-Effekts“ beschworen, welcher bedeutet, dass Nichtraucher durch die E-Dampfe zu Rauchern werden. Obwohl Frau Dr. Pötschke-Langer zugestehen musste, dass noch keine zuverlässigen Daten zum Gateway-Effekt vorliegen, schlussfolgerte sie jedoch aus einer nur ihr erschließbaren Logik, dass es diesen Effekt trotzdem gäbe. Auch stellte sie die E-Dampfe als ein auf den Kinder- und Jugendmarkt ausgerichtetes Produkt dar, Stichwort Glitzersteinchen… die mir allerdings bis jetzt an noch keinem Verdampfer oder Akkuträger je aufgefallen wären… müssen sehr kleine Glitzersteine sein… naja, ist ja auch für ganz kleine Kinder.
Soweit, so gut… nichts anderes war von Frau Dr. Pötschke-Langer zu erwarten.
Aber obwohl mir schon bekannt war, dass die Dame vom DKFZ es mit der Wahrheit nicht immer so hat, war ich dennoch zutiefst überrascht, als ich die Auslassung von ihr zum ach so gefährlichen Propylenglycol hörte. Zu dem „Chemiecocktail“ und darin vor allen Dingen dem bereits erwähnten Propylenglycol äußerte sie folgendes:

„Tatsächlich ist das Chemikaliengemisch der E-Zigarette hier gesundheitsgefährdend. Es ist ein Chemikaliengemisch, was hier eingebracht wird in Atemwege und in die Lunge und vom Körper aufgenommen wird. Hier steht vor allen Dingen Propylenglycol an erster Stelle zu nennen. Das in hohem Maße inhaliert wird. Unsere MAK-Kommission der deutschen Forschungsgemeinschaft, die die maximale Arbeitsplatzkonzentration festlegt, hat einen Grenzwert von Propylenglycol am Arbeitsplatz mit 6 bis 12 Mikrogramm pro Kubikmeter angegeben. Ein Konsument einer E-Zigarette inhaliert mit jedem Zug 160 Milligramm. Und sie müssen sich vorstellen, es sind dann bei 10 Zügen sind es 1600 und bei 100 Zügen, und das ist Normalkonsum über den Tag, sind es 16000 Züge (sic!). Das heißt, hier kommt eine enorme Last einer Chemikalie in die Atemwege.“

Hier behauptet Frau Dr. Pötschke-Langer also tatsächlich, die MAK-Kommission der DFG (Deutsche Forschungsgemeinschaft) hätte für Propylenglycol einen MAK-Wert von 6 bis 12 µg/m³ festgelegt.
Tatsache ist jedoch, dass es für Propylenglycol überhaupt keinen MAK-Wert gibt. Schaut man in die von ihr zitierte „The MAK Collection for Occupational Health and Safety“, dann muss man überraschend feststellen, das gar kein MAK-Wert festgelegt ist. Dies mag bei einer offensichtlich ungiftigen Substanz wie Propylenglycol nicht weiter verwundern, es gibt ja auch keinen Grund, so einen Wert festzulegen. Mich verwundert jedoch, warum Frau Dr. Pötschke-Langer behauptet, es gäbe ihn.
Hinzu kommt, dass sie sich mit einem MAK-Wert von 6 bis 12 µg/m³ auch noch einen utopisch niedrigen Wert ausgedacht hat.
Richtig deutlich wird dies, wenn man sich echte MAK-Werte von echt gefährlichen Substanzen anschaut:

Cyanwasserstoff (Blausäure, auch bekannt als Wirkstoff von Zyklon B): 11mg/m³ (umgerechnet also 11000µg/m³ ! )
Chlor (Chlorgas war im ersten Weltkrieg ein „beliebtes“ Giftgas): 1,5mg/m³ (umgerechnet also 1500µg/m³ ! )
Kohlenmonoxid: 35mg/m³ (umgerechnet also 35000µg/m³ ! )
(Quellen: http://onlinelibrary.wiley.com/book/10.1002/3527600418/topics)

Nun wird niemand ehrlich behaupten, Propylenglycol sei giftiger als Blausäure, Chlorgas oder Kohlenmonoxid, dann hätten wir in Deutschland nämlich nicht ca. 2 Millionen dampfende Exraucher, sondern 2 Millionen tote Exdampfer.
Woher nimmt Frau Dr. Pötschke-Langer also diese Behauptungen und Zahlen? Hat sie in einer öffentlichen Anhörung des deutschen Bundestages gelogen? Oder war dieser „Lapsus“ nur ein Zeichen fachlicher Inkompetenz? Das werden wir wohl nie erfahren.

Sehr besorgniserregend ist aber, dass auf Grundlage solcher falschen Behauptungen im Bundestag ein Gesetz zur Regulierung der „E-Zigaretten“ verabschiedet wurde. Ein Gesetz, welches weit über eine sinnvolle Regulierung hinaus geht, ein Gesetz, welches in weiten Teilen die Handschrift einer Frau trägt, welche nicht nach bestem Wissen, sondern nach einer, nur ihr verständlichen, Ideologie zu handeln scheint.

Tatsache bleibt: Propylenglycol ist gesundheitlich unbedenklich. Es ist als Lebenmittelzusatzstoff E 1520 zugelassen und wird unter anderem in Kosmetika, Nebelmaschinen (z.B. für Diskonebel) und Inhalationsmedikamenten verwendet.

Hier der Ausschnitt aus der Anhörung mit der Äußerung von Frau Dr. Pötschke-Langer zum MAK-Wert von PG:

Komplettes Video auf der Seite des Deutschen Bundestages: http://dbtg.tv/cvid/6524767

PS: Eine kleine Rechnung zum Thema „Normalkonsum“!
Wenn man von den Angaben zur Aufnahme des Propylenglycols der Frau Dr. Pötschke-Langer ausgeht, nimmt der durchschnittliche E-Dampfer pro Tag etwa 16g Propylenglycol auf (100 Züge mal 160mg). Das entspräche in etwa 16ml PG.
Wenn wir jetzt mal davon ausgehen, dass die meisten marktüblichen Liquids ein Mischungsverhältnis von 50/50 (PG/VG) haben und wir eine (eher unwahrscheinliche) Resorption des PG von 100% in der Lunge annehmen, dann müsste der „Normalkonsument“ pro Tag etwa 32ml Liquid wegdampfen.
Jetzt mal Hand aufs Herz und Hosen runter… wer schafft das? Selbst Extremdampfer dürften kaum über 20ml am Tag kommen.
Der tatsächliche „Normalkonsum“ liegt etwa bei 5ml am Tag.
Das heißt, selbst beim durchschnittlichen Liquidverbrauch hat Frau Dr. Pötschke-Langer um das 6fache übertrieben. Aber das ist nur eine Randnotiz, da selbst der von ihr übertriebene Verbrauch von 16ml am Tag in meinen Augen als unbedenklich anzusehen wäre. Dennoch zeigt es das „Argumentationsmuster“, welches von den E-Dampfgegnern immer wieder ins Feld geführt wird.

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6 Antwort zu Der erfundene MAK-Wert

  1. Kurbelursel sagt:

    Halle Sebastian,

    danke, dass Du dieses Thema nochmals aufgegriffen und abgearbeitet hast.
    Diesen Artikel empfehle ich zum 51. #DampfDiDay

    Liebe kollegiale DampfBlogger-Grüße
    Kurbelursel

  2. SeK sagt:

    Vielen Dank, das freut mich sehr!

  3. Wieauchimmergenannt sagt:

    Hier eine Spur:

    ->->->->
    […]
    Zusammenfassend ergibt sich, dass der systemische LOAEL von PG nach inhalativer Auf-
    nahme deutlich niedriger ist als nach oraler Aufnahme. Oberhalb des LOAEL treten Verände-
    rungen im Blutbild auf. Die empfindlichsten Effekte waren Blutungen der Nasenschleimhaut.
    Auf der Basis des errechneten NOAEL von 53,3 mg/m3, der toxikodynamischen Anteile der
    Intra- und Interspeziesvariabilität (Faktor 3,16 und Faktor 2,5), der Anpassung von subchro-
    nischer-chronischer Exposition (Faktor 2) lässt sich ein DNEL (Derived No Effect Level (Ab-
    geleitetes Null-Effekt-Niveau: Expositionskonzentration eines Stoffes, bei der keine gesund-
    heitsschädliche Wirkung für den Menschen besteht) für den Menschen ableiten (10). Unter
    der Annahme, dass der E-Raucher täglich 10 Zigaretten über 10 min raucht (100 min) und
    unter Berücksichtigung der Expositionszeit der Tierexperimente (6 h/Tag=360 min) ergibt
    sich ein DNEL für den Menschen von 12,15 mg/m3 PG. Dieser Wert entspricht dem Wertebe-
    reich der MAK Kommission (11), die über eine Benchmark-Ableitung einen Wert von 6-
    12 mg/m3 PG ermittelte. Diese Werte wurden jedoch für den Arbeitsplatz und nicht für den
    Innenraum im privaten Bereich abgeleitet. Bei Personen mit Erkrankungen des Atem- oder
    Kreislaufsystems können niedrigere Grenzwerte relevant sein.
    […]
    11. MAK. Substance Overview for Propylene glycol. The MAK-Collection for Occupational
    Health and Safety. Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2012.
    <–>
    http://www.bfr.bund.de/cm/343/liquids-von-e-zigaretten-koennen-die-gesundheit-beeintraechtigen.pdf
    <-<-<-<-

    • SeK sagt:

      Da kommt wenigstens eine „12“ und „m3“ drin vor, das stimmt. Aber Milligramm mit Mikrogramm zu verwechseln ist dennoch bedenklich. Abgesehen davon bleibt es bei der Tatsache, dass es keinen MAK-Wert für Propylenglykol gibt. Und dieser Richtwert von 12mg/m3 ist zudem immer noch utopisch, gerade mal nur 1mg/m3 mehr als Blausäure.
      Zudem ist das Papier mittlerweile extrem veraltet. Allein die Einschätzungen von Nikotin sind aus heutiger Sicht lächerlich. Das BfR, DKFZ und mit ihnen Frau Dr. Pötschke-Langer haben sich verrannt… blinde Ideologie, die Menschenleben kosten wird.
      Danke für die Quellenangabe!

      • Wieauchimmergenannt sagt:

        Es kommt sogar „6-12“ (6 bis 12) vor. Das wird es wohl schon gewesen sein, halt Milligramm durch Mikrogramm ersetzt.

    • Wieauchimmergenannt sagt:

      Es scheint in der Tat keinen MAK-Wert für PG zu geben, aber ich habe die ursprüngliche Quelle gefunden:

      http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/3527600418.mbe5755ksk/abstract

      Und dabei handelt es sich tatsächlich um die oben angegebene Quelle:

      „MAK. Substance Overview for Propylene glycol. The MAK-Collection for Occupational
      Health and Safety. Wiley-VCH Verlag GmbH & Co. KGaA, 2012.“

      Es scheint sich dabei sozusagen um einen Zusatz zu handeln, worin erst einmal lediglich Data in Bezug auf PG gesammelt werden oder wurden. PG steht oder stand sozusagen unter Beobachtung. Man ist oder war am eruieren, ob man einen MAK-Wert für PG aufstellen soll und wie hoch man den gegebenfalls setzen sollte, dazu sammelt oder sammelte man erst einmal Data.

      Hier einen Auszug, in dem die besagten 6 bis 12 mg/m^3 gegen Ende auftauchen:

      ->->->->
      5.2.1 Inhalative Aufnahme

      Die Studien mit wiederholter inhalativer Verabreichung von Propylenglykol sind in
      Tabelle 3 dargestellt.
      In einer validen Untersuchung führte die 90-tägige inhalative Exposition von Ratten
      gegen Propylenglykolaerosol ab 160 mg/m^3 zu Nasenbluten (siehe Tabelle 4) und
      Augenfluss sowie zu reduzierter Futteraufnahme bei den weiblichen Tieren. Während
      der expositionsfreien Tage waren die Effekte reversibel. Die Autoren vermuten, dass
      das Nasenbluten Folge eines Austrocknens der Nasenschleimhaut war. Die durch-
      schnittliche Inzidenz für Augenausfluss bei den männlichen Tieren war 5% in der Kon-
      trollgruppe sowie 16, 40 und 40% in der 160-, 1000- bzw. 2200- mg/m^3-Gruppe und
      bei den weiblichen Tieren in der Kontrollgruppe 8% sowie 14, 28 und 35% in der
      160-, 1000- bzw. 2200 mg/m^3-Gruppe. Konzentrationen ab 1000 mg/m^3 führten zu
      einem Anstieg der Anzahl der Becherzellen oder des Schleimgehaltes der Becherzellen
      im nasalen Epithel und bei den weiblichen Tieren zu einem Abfall der Lymphozyten
      (Suber et al. 1989). Die gemessene Luftfeuchtigkeit von 30–70% in der Studie von
      Suber et al. (1989) spricht gegen einen dehydrierenden Effekt an der Nasenschleim-
      haut. Auch ist die Hygroskopizität von Propylenglykol und Glycerin, bei dem bei glei-
      cher Konzentration keine derartigen Effekte beobachtet wurden, etwa gleich stark. Bei
      der Metabolisierung von Propylenglykol in der Nase entsteht ein Monoaldehyd, der
      weiter zur Säure umgesetzt wird und möglicherweise für diese Wirkung verantwortlich
      ist. […]
      […]

      6 Bewertung

      Es liegen keine Untersuchungen beim Menschen vor, aus denen ein MAK-Wert für
      Propylenglykol abgeleitet werden kann. Einminütige Expositionen beim Menschen rie-
      fen ab etwa 200 mg/m^3 irritative Reaktionen an den Augen und im Rachen hervor. Die
      13-wöchige inhalative Exposition von Ratten gegen Propylenglykolaerosol hatte ab
      160 mg/m^3 Nasenbluten und Augenausfluss zur Folge. 1000 mg/m^3 führten zu einem
      Anstieg des Schleimgehaltes oder der Anzahl der Becherzellen im nasalen Epithel und
      bei den weiblichen Tieren darüber hinaus zu einem Abfall der Lymphozyten. Aus den
      Studien mit wiederholter oraler Verabreichung ergibt sich ein systemischer NOAEL
      von 2000 mg/kg KG und Tag. Die Aufnahme bei der LOAEC von 160 mg/m^3 ent-
      spricht einer oralen Aufnahme von etwa 23 mg/kg KG und Tag bei 10 m^3 Atemvolu-
      men und 100%iger Retention. Diese Aufnahme liegt somit deutlich unterhalb der
      Dosis, die in den oralen Studien zu systemischen Effekten geführt hat.
      Aus der LOAEC von 160 mg/m^3 der 13-wöchigen Rattenstudie kann eine NOAEC im
      Bereich von 20 bis 50 mg/m^3 abgeschätzt werden (ECETOC 2003). Eine Benchmark-
      Ableitung mit dem Endpunkt „Nasenbluten“ bei männlichen Ratten ergibt einen Wert
      von 6 mg/m^3. Diese Berechnung ist jedoch sehr unsicher, weil in zwei von drei Kon-
      zentrationsgruppen die Inzidenz 100% betrug und somit kein monotoner Trend erhal-
      ten wurde, der für die Berechnung vorliegen sollte. Eine Berechung mittels linearer
      Extrapolation ergibt einen Wert von 12 mg/m^3. Ein möglicher Grenzwert könnte auf
      Grundlage dieser Abschätzungen im Bereich von 6–12 mg/m^3 liegen. […]
      <-<-<-<-

      Vor dem Weiterdampfen möchte sich darum vielleicht der eine oder andere ins Bewusstsein rufen:

      Sollte jemand PG dampfen und eine aussergewöhnlich trockene Nase oder Nasenbluten bekommen, könnte PG zu dampfen einen Beitrag dazu geleistet haben. Sollte das häufig vorkommen, könnte so jemand das PG ja einmal versuchsweise weglassen, und sollte das für Linderung sorgen, möchte er vielleicht gleich dabei bleiben oder es einmal mit ein bisschen weniger PG als vorher probieren.